Lebensmittel für immer mehr Verbraucher „eigentlich zu billig“

Lebensmittel für immer mehr Verbraucher „eigentlich zu billig“

Das sind die Ergebnisse einer Studie, die der Lehrstuhl Marketing für Lebensmittel und Agrarprodukte der Georg-August-Universität Göttingen im Auftrag der Heinz-Lomann-Stiftung erstellte und die am vergangenen Mittwoch auf dem 8. Ernährungssymposium in Hamburg von Prof. Achim Spiller und seinen Mitarbeitern Maike Kayser und Justus Böhm vorgestellt worden sind. Die Studie zeige einen klaren Trend auf: Immer mehr Verbraucher verspürten eine „Sehnsucht nach Natürlichkeit“ als Ergebnis der zunehmenden Entfremdung von der Lebensmittelproduktion, erklärte Spiller. Die von der Industrie viel gepriesene Effizienz und Technologisierung werde vom Konsumenten als „negative Veränderung von Naturprozessen“ angesehen. Auch die mit der Effizienzsteigerung verbundenen Preissenkungen würden nicht mehr als legitimes Ziel der Agrar-produktion gelten. Vielmehr seien immer mehr Verbraucher der Meinung, dass Lebensmittel „eigentlich zu billig“ seien, so der Agrarökonom.

Wertekonzept hinterfragen
Die zunehmende Skepsis gegenüber den technischen Errungenschaften der Ernährungswirtschaft hängt nach Darstellung von Spiller auch mit der fehlenden Legitimation für Mengensteigerungen zusammen. „Ernährungssicherung in Europa ist nicht mehr als Erfolg kommunizierbar“, erklärte der Wissenschaftler. Außerdem seien Prozessinnovationen für die Verbraucher am Produkt nicht mehr wahrnehmbar. Die Lebensmittelbranche befinde sich heute zwischen zwei unterschiedlichen gesellschaftlichen Polen, und zwar einer „Wunsch-Natürlichkeitsökonomie“ und einer „Preis-Produktivitäts-Ökonomie“. Daraus sei zu folgern, dass die Lebensmittelbranche das eigene Wertekonzept von Steigerung der Produktivität und Senkung der Kosten bewusst hinterfragen sollte, um eine weitere Entfremdung von der Gesellschaft zu vermeiden. Zudem müsse die Branche am öffentlichen Diskurs teilnehmen und bewusst den Dialog mit Meinungsführern – im Social Web und bei den Medien – suchen, empfahl der Agrarökonom.

Fundamentale Entwickung
Spiller wies darauf hin, dass sich in der Landwirtschaft und der Ernährungsindustrie in den vergangenen Jahrzehnten eine fundamentale Entwicklung vollzogen habe. Während ein Landwirt in Deutschland in den fünfziger Jahren zehn Menschen habe ernähren können, habe dieser Faktor im Jahr 2008 bereits bei 148 Menschen gelegen. Der Hektarertrag für Weizen und Kartoffeln habe sich in dieser Zeit verdoppelt. Die mittlere Milchleistung einer Kuh sei von 2.480 kg im Jahr 1950 auf 6.827 kg im Jahr 2008 gestiegen. Hinzu komme, dass im 21. Jahrhundert die Versorgung mit Lebensmitteln so weit entwickelt sei, dass nur noch 2% der deutschen Bevölkerung in der Landwirtschaft arbeiten müsste, führte Spiller aus. Und gleichzeitig müsse die nicht-landwirtschaftliche Bevölkerung nur noch 14% ihres Einkommens für die Ernährung aufwenden. Trotz der aus Sicht der Land- und Ernährungswirtschaft positiven Kennzahlen bewerteten 62% der zugeordneten Beiträge aus dem Social Web und 43% der Medienbeiträge die Produktivität negativ. Als positive Leistung der Agrar- und Ernährungswirtschaft würden von den Befragten hingegen Zusatzaspekte von Lebensmitteln wie Regionalität oder Tierschutz wahrgenommen. (https://www.uni-goettingen.de/de/11226.html)

AgE

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