Landwirtschaft und Ernährung der Zukunft – Herausforderung und Verantwortung für alle
Kirchen fordern die Stärkung der familiären Strukturen in der Landwirtschaft weltweit
Die Vertreter der Kirchen, Nicole Podlinski, Bundesvorsitzende Katholische Landvolkbewegung und Thilo Hoppe, Entwicklungspolitischer Beauftragter Brot für die Welt, forderten ein Umdenken in der Art zu leben und zu wirtschaften. Nicole Podlinski bezog sich auf die Enzyklika „Laudato si“ von Papst Franziskus: „Der Papst macht sich Sorgen um das gemeinsame Haus“, zitierte Podlinski. Er fordere den Erhalt von kleinbäuerlichen Strukturen. Mit Sorge betrachte der Papst auch die Machtkonzentration der Unternehmen, die er zum ethischen Handeln auffordere. Das Gemeinwohl müsse vor die Gewinne gestellt werden. Auch die Protestanten teilen die Inhalte der Enzyklika des Papstes, so Thilo Hoppe von Brot für die Welt. Darüber hinaus habe man in einer interdisziplinären Studie das Thema „Welternährung“ in den Mittelpunkt gestellt (EKD, Texte 121 – Unser täglich Brot gib uns heute). Drei Punkte habe man als gesamtgesellschaftliche Aufgaben herausgearbeitet: 1. Verquickung von Agrarpolitik und Agrarpraxis – das betreffe insbesondere die Futtermittelimporte, 2. Landwirtschaft und Klimawandel, 3. Analyse der Gewässerbelastung durch die Landwirtschaft.
Wissenschaftlicher Beirat hält mehr Tierschutz für notwendig und bezahlbar – BMEL setzt auf Gespräche und Grünbuch
Ein Umsteuern im Bereich der Land- und Ernährungswirtschaft forderte auch Prof. Dr. Grethe als Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz beim Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft. Die gesellschaftliche Akzeptanz der landwirtschaftlichen Tierhaltung habe in den letzten Jahren massiv abgenommen. Es klaffe eine Lücke zwischen Wahrnehmung und Realität, die gefährlich sei und die es zu schließen gelte. Mehr Tierschutz sei notwendig, technisch machbar, gebe es nicht umsonst und sei bezahlbar mit einem geeigneten Instrumenten-Mix. Es seien 3 – 5 Mrd. € notwendig, um die steigenden Produktionskosten von 20 – 25 % abzupuffern und um die Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten. Sonst müsse man mehr Produkte importieren, dessen Standards man nicht kenne. Außerdem müsse man den Verbraucher darüber aufklären, dass „small nicht automatisch beautiful ist“. Große Betriebe hätten nicht automatisch weniger Umwelt- und Tierschutz. Langfristige Leitlinien, die mehr als eine Legislaturperiode andauern, müssten festschreiben, welche Wege man in den nächsten 10 – 20 Jahren beschreiten wolle, denn Landwirte bräuchten Entscheidungshilfen für Investitionen. Man brauche zu diesem Thema einen parteiübergreifenden Basiskonsenz. Weiterhin empfahl der Wissenschaftler die Bildung einer Enquetekommission zum Thema Nutztierhaltung, einen breiten Dialog mit Bürgern und ein klares Bekenntnis zur Umstrukturierung. Für die Finanzierung des Tierschutzes stellte Grethe ein Bündel an Möglichkeiten vor: vom sektoralen staatlichen Tierschutzlabel über Branchen-Initiativen zum Tierwohl sowie agrarpolitische Verlagerungen von Mitteln in die 2. Säule. Der Beirat könne sich auch einen nationalen Alleingang vorstellen, denn auf EU-Ebene würden Umstrukturierungen zu lange dauern.
Bundesminister Christian Schmidt habe die Empfehlungen seines Beirats eher zurückhaltend aufgenommen, aber deutlich gemacht, dass er den gesellschaftlichen Dialog über Landwirtschaft führen wolle. BMEL im Dialog – unter diesem Titel sind die Gespräche mit verschiedenen Gesellschaftsgruppen zusammengefasst. Während sich die regionalen Veranstaltungen „Gut leben in Deutschland“ mit der dörflichen Infrastruktur beschäftigten, so Dr. Rainer Gießübel vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft in Göttingen, gehe es bei den Thementagen im Rahmen des Lebensmittelgipfels um Gespräche mit der Wirtschaft über die Bedeutung der Exporte. Weiterhin werde es Kirchendialoge geben und Fachgespräche mit verschiedenen anderen Gruppen.
Ziel der Dialoge sei es, Wege für eine für Landwirte und Verbraucher praktikable, gesellschaftlich akzeptierte und auf einem Wertefundament basierenden Landwirtschaft zu formulieren, die die Basis für ein sogenanntes Grünbuch bilden sollen.
Nachhaltigkeit – ein Wendeprozess
Verschiedene Revolutionen, wie die industrielle und die digitale, haben in der Geschichte sogenannte Wende-szenarien oder Transformationen hervorgerufen, so der Leiter des Bereichs „Produkte und Stoffströme“ des Öko-Institut e.V. Carl-Otto Gensch. Die neueste Revolution sei in der Nachhaltigkeit und hier z.B. in der nachhaltigen Produktion und dem Konsum von Fleisch zu sehen. Verhalten und Lebensstil in Bezug auf Fleischkonsum seien in bestimmten Gruppen deutlich im Umbruch. Solche Nischengruppen seien neben Visionen die treibenden Kräfte für Transformationen. Zugleich steige die Außer-Haus-Verpflegung deutlich an. Hier fehle es an Fachkräften für eine fleischarme Küche. Noch sei die Arbeit im Bereich der Transformationsstrategien in den Bereichen Ernährung und Landwirtschaft im Öko-Institut am Anfang, in drei Jahren werde dazu ein Handbuch erwartet.
Wie Verbraucherwünsche und Nachhaltigkeit in die Produktion einfließen können und welche Herausforderungen das für die Wirtschaft bedeutet, zeigte Tjeerd de Groot, Geschäftsführer der Nederlandse Zuivel Organisatie (NZO) am Beispiel der niederländischen Milchwirtschaft.
2010 habe man in den Niederlanden eine Vision entwickelt und Herausforderungen für die nächsten 10 Jahre zusammengestellt. Ziel war die Fortführung einer weidebasierten Milchviehhaltung mit Familienbetrieben als Fundament. Dazu kamen Ziele wie Klimaneutralität, 20 % Reduktion der Treibhausgase und klimaneutrales Wachstum, 16 % erneuerbare Energien und die Steigerung der Energieeffizienz. Weitere Ziele seien die Einhaltung von bestimmten Tierwohlkriterien, wie Verlängerung der Lebensdauer um 6 Monate und der verantwortungsvolle Umgang mit Antibiotika, außerdem der 100 %ige Einsatz von verantwortungsvollem Soja und die Einhaltung der Umweltstandards für Phosphat und Ammoniak.
Wie arbeitet die niederländische Milchwirtschaft an diesen Zielen? Der niederländische Milchindustrieverband, so de Groot, stellt seinen Mitgliedern bestimmte Instrumente oder Tools, wie Lebenszyklus Tool, Kuh-Kompass oder Energie-Scan zur Verfügung. Die Mitglieder setzen sie in ihr eigenes System um. Milcherzeuger könnten Punkte für verschiedene Bereiche sammeln und dadurch ein höheres Milchgeld erzielen. Ein Beirat, inkl. NGOs, gibt zweimal jährlich Empfehlungen zu Zielen und zur Umsetzung der nachhaltigen Kriterien. Die Evaluation übernimmt das Institut LEI Wageningen UR. Positive Ergebnisse gebe es bisher im Bereich Antibiotika, Herausforderungen blieben bei der Einhaltung von Umweltstandards für Phosphat und Ammoniak sowie bei der Fortführung der Weidehaltung. Da der Weidehaltung auch aus kulturellen Gründen in den Niederlanden eine besondere Bedeutung zukomme, habe man eine Vereinbarung Weidehaltung mit 63 Unterzeichnern ins Leben gerufen und für Weidehaltung finanzielle Anreize geschaffen. All diese Maßnahmen seien ohne staatliche Unterstützung, also nur aus der Wirtschaft heraus, erwachsen.
Ausrichtung der EU-Agrarpolitik
Um die Landwirtschaft in allen EU-Ländern leistungsfähig und wettbewerbsfähig zu erhalten und die Entwicklung des ländlichen Raums zu gewährleisten, seien Subventionen weiterhin notwendig, so Martin Scheele von der Europäischen Kommission, Generaldirektion Landwirtschaft und ländliche Entwicklung. Die EU setze in ihrer Politik Prioritäten bei Programmen auf den Gebieten Wissenstransfer und Innovation, Wettbewerbsfähigkeit, Risikomanagement, Ressourceneffizienz und Diversifizierung. Alle Programme müssten über evaluierende Maßnahmen die Effizienz und die Effektivität nachweisen, damit die Nachhaltigkeit der Politik und die Akzeptanz des Mitteleinsatzes gewährleistet seien.
Plädoyer für eine entwaffnende Öffentlichkeitsarbeit
Zu einer positiven Betriebsentwicklung gehöre unweigerlich eine Öffentlichkeitsarbeit, die glaubwürdig, transparent, offen und ehrlich ist, so der Präsident des Bauernverbandes Schleswig-Holstein Werner Schwarz. Das Interesse an Landwirtschaft sei da. „Das stört viele Bauern, aber wir haben die Chance, uns selbst darzustellen. Wir müssen das Interesse bedienen und wir Landwirte sind dafür die besten Botschafter. Denn wir wissen, was Tierwohl heißt, wir haben es gelernt.“ NGOs seien heute die moralische Instanz, die sich über gesetzliche Grundlagen stelle. Wichtig sei es, die Gegner zu Verbündeten zu machen, und zwar mit denjenigen, die die kleinen Schritte mit den Landwirten gehen. Ein Beispiel sei die Initiative Tierwohl, in der Landwirte und Tierschützer erstmalig zusammen gearbeitet hätten und die vom Handel belohnt werde. „Wir brauchen keine Negativ-Kampagnen wie die NGOs, sondern wir dürfen echt sein und dadurch entwaffnen. Wir können personalisieren und emotionalisieren und uns nicht scheuen, kritische Themen anzusprechen. Daneben müssten Freude, Selbstbewusstsein spürbar sein und die Bereitschaft zu Kompromissen.
Ernährungsverhalten im Wertewandel
Nicht nur das „Was“ wir essen verändert sich, sondern auch das „Wie“ und „Wann“, referierte Prof. Dr. oec.troph. Carola Strassner von der Fachhochschule Münster. Aktuelle Trends im Ernährungsverhalten sind „Vegan“ und „Frei von … (Lactose, Gluten usw.)“. Auf den Pro-Kopf-Verbrauch von Fleisch habe sich der vegane Trend jedoch noch nicht signifikant ausgewirkt. Einhergehend mit diesen Trends seien eine radikale Veränderung der Ausstattung der Haushalte mit Konsumgütern und ein erhöhter Wohnraumanspruch. Beide lassen den Ressourcenverbrauch deutlich ansteigen. Für die Zukunft werde eine Vielzahl von Lebensstilen eine Vielzahl an Trends hervorrufen. Welche Trends zum Mainstream werden, wisse man nicht. Die Entwicklung lasse sich wie im Zitat von David Bosshart zusammenfassen: Mehr Gesundheit. Mehr Moral. Mehr Genuss.
Profilierung über Nachhaltigkeit statt Verkaufpreisfixierung im LEH
Im LEH, speziell in der REWE-Group, seien die vier Säulen der Nachhaltigkeit das zentrale Thema für die Kundenbindung, so Dr. Ludger Breloh von der REWE-Group. So könne man hier unabhängiger vom Preis werden. Wichtige Ansätze wären im Fleischbereich neben der Initiative Tierwohl auch ein Leitbild zur Nutztierhaltung und eine restriktive Haltung gegenüber transgenen Sorten. Außerdem stünden nicht-kurative Eingriffe am Tier im Fokus. Die eingeleiteten Maßnahmen seien a). kein Fleisch von betäubungslos kastrierten Schweinen, b). der Verzicht auf das Schnäbelkürzen sowie c). eine GVO-freie Fütterung und d). der Verzicht auf das Kupieren der Schwänze. Mehrkosten auf der Erzeugerebene sollen bezahlt werden. „Nach dem Fleisch werden die nachhaltigen Anforderungen an die Milcherzeugung folgen“, kündigte Dr. Breloh an.
Indikatoren für Nachhaltigkeit
Sowohl für den Ökoanbau als auch für die konventionelle Landwirtschaft sei man es dem Verbraucher schuldig, messbare Indikatoren für Nachhaltigkeit zu definieren. Zu dieser Auffassung kamen Prof. Dr. Dr. hc. Urs Niggli, der Direktor des Forschungsinstituts für biologischen Landbau (FiBL), und Dr. Lothar Hövelmann von der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft (DLG). Die DLG habe diese Aufgabe in den letzten 2 Jahren in Gang gesetzt, 23 Kriterien seien erarbeitet worden. Im Nachhaltigkeitsbericht der DLG seien 2015 erste Ergebnisse veröffentlicht:https://www.dlg.org/fileadmin/downloads/fachinfos/Nachhaltigkeit/DLG_Nachhaltigkeitsbericht2015.pdf
Beide Seiten können sich vorstellen, die Indikatoren anzugleichen, da sie auf wissenschaftlichen Überlegungen basieren.
Fazit der Tagung: Um den Akzeptanzproblemen gegenüber einer modernen Land- und Ernährungswirtschaft zu begegnen, sind sachliche Dialoge und Respekt (innerhalb und außerhalb des Sektors) und nicht Disqualifizierung und Schuldzuweisung notwendig.
LVN/Licher
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