DGE-Frühjahrstagung „Ernährung der Zukunft“

23. April 2015

DGE-Frühjahrstagung „Ernährung der Zukunft“

Zukünftiges Ernährungs- und Einkaufsverhalten

Dr. Ellrott vom Institut für Ernährungspsychologie an der Universitätsmedizin Göttingen, stellte den Multiplikatoren aus den Bereichen Ernährung und Gesundheit fünf verschiedene Szenarien der Zukunft vor, die die 1.029 deutschsprachigen erwachsenen Teilnehmer im Rahmen einer Studie („Nestle-Zukunftsstudie“) zur Bewertung vorgelegt bekamen. Sie sollten sich diese Zukünfte vorstellen und bewerten, sowohl funktional in Bezug darauf, wie realistisch und fortschrittlich sie das jeweilige Szenario einschätzen als auch emotional: Ob es ihnen gefällt, ob sie sich darin wohlfühlen und ob sie sich darauf freuen.
Die Szenarien waren zuvor, so Ellrott, in einem umfangreichen Forschungsprozess entwickelt worden. Dazu seien zunächst in einem Factbook relevante Daten zu verschiedenen aktuellen gesellschaftlichen Themenbereichen zusammengetragen worden. In einem zweiten Schritt hätten namhafte Experten die gesellschaftlichen Einflussfaktoren auf das Ernährungs- und Einkaufsverhalten in zwei interdisziplinären Workshops diskutiert. Aus den aktuellen Entwicklungen leiteten sie Prognosen für zukünftiges Ernährungs- und Einkaufsverhalten ab. Eine so genannte Supergroup von kreativen Verbrauchern und Experten habe fünf konkrete Zukunfts-Szenarien entwickelt:

  • Szenario 1: Ressourcenschonende Ernährung in einer werteorientierten Gesellschaft
    (Umweltschutz, Einkaufen unter Berücksichtigung von Bio-Produkten und Regionalität; gerechtere Verteilung von Ressourcen; Verzehr von Insekten und Algen sowie hierauf basierende Lebensmittel ist vorstellbar)
  • Szenario 2: Ernährung zur Selbstoptimierung in einer leistungsorientierten Gesellschaft
    (gesunde Ernährung und individualisierte Lebensmittel; Essen sorgt als Energielieferant für die tägliche Leistungsfähigkeit und Belastbarkeit; Produkte haben gesundheitlichen Zusatznutzen, Essen unterwegs in Form von Pillen oder Power-Riegeln)
  • Szenario 3: Reflektierter Genuss in einer auf Eigenverantwortung setzenden Gesellschaft
    (ausgewogene und gesundheitsbezogene Ernährung; Gesundheits-Apps; gezielte Informationen aus dem Internet machen regelmäßige Arztbesuche fast überflüssig)
  • Szenario 4: Gemeinschaftliches Essen als Erlebnis in einer entstrukturierten Gesellschaft
    (in Städten verliert die eigene Küche an Bedeutung – an ihre Stelle treten große Küchen, die angemietet werden, um gemeinsam zu kochen; Nahrungsmittel für den täglichen Bedarf werden online gekauft)
  • Szenario 5: Einfaches Sattwerden in einem virtuellen Umfeld
    (Sättigung und Deckung des täglichen Kalorienbedarfs im Vordergrund; gekocht wird selten; Fertiggerichte und traditionelle Mahlzeiten online bestellen und wieder erwärmen; Zeit sparen; Neuerungen wie 3D-Drucker für Fertigmischungen von Frikadellen oder Pizza sind vorstellbar)

Den Studienergebnissen zufolge, stehe die Mehrheit der deutschen Verbraucher Zukunftsszenarien wie diesen ausgesprochen offen und positiv gegenüber (80 Prozent). Wichtig sei ihnen dabei, in Zukunft Ressourcen zu schonen, werteorientiert einzukaufen und sich gesund zu ernähren. Ernährung werde zunehmend zu einer Frage der Weltanschauung.

Insgesamt würden es sechs von zehn Verbrauchern der Zukunftsstudie zufolge für wahrscheinlich halten, dass Versorgungseinkäufe spätestens in 15 Jahren größtenteils online erfolgen. Die zukünftige Rolle des stationären Handels sähen die Verbraucher in Inspiration durch Beratung und Verköstigung (61 Prozent).

„Zukunftsgestalter“ sind Innovationen gegenüber besonders aufgeschlossen

12 Prozent der Verbraucher, die so genannten Zukunftsgestalter, zeigten sich, so Dr. Ellrott in Hannover, besonders offen gegenüber innovativen Techniken, Ernährungsformen und Kochpraktiken. In dieser Gruppe seien sogar drei Viertel der Befragten der Überzeugung, dass das Gros der Lebensmitteleinkäufe online erfolgen werde und uns Apps beim Einkaufen helfen würden (74 und 73 Prozent). Für sie würden Mahlzeiten in Zukunft in der Regel unterwegs gekauft und verzehrt (57 Prozent), eher geliefert als selbst gekocht (56 Prozent) und Küchen dienten zu Hause nur noch zur schnellen Nahrungsaufbereitung. In-Vitro-Fleisch werde in dieser Gruppe fast von jedem Zweiten akzeptiert (47 Prozent).
Dabei seien Zukunftsgestalter mehrheitlich mittleren Alters, weiblich, besser gebildet, während der klassische Traditionalist (20 Prozent der Bevölkerung) über 50 Jahre alt sei, männlich und tendenziell über einen niedrigen Schulabschluss verfüge. Zukunftsgestalter wie Traditionalisten vereine der Wunsch, Produkte entsprechend den eigenen Werten einzukaufen (64 und 50 Prozent). Ebenso seien beide der Überzeugung, dass Ernährung zu einem Statussymbol und Ausdruck des persönlichen Lebensstils werde (55 und 43 Prozent).

Besondere Zustimmung: Kombination von Ressourcenschonung und gesunder Ernährung

Bei der Bewertung der fünf unterschiedlichen Zukunftsszenarien fand laut Ellrott ein Szenario, das Ressourcenschonung und eine gesunde Ernährungsweise kombiniert, besondere Zustimmung (65 Prozent). Als Symbiose zwischen Genuss und Rücksicht auf Tier und Natur, werde dann auch In-Vitro-Fleisch aus dem Reagenzglas von mehr als jedem dritten Befragten akzeptiert (36 Prozent).
Ellrott zitierte den Kommentar des durchführenden Studieninstituts: „Die zu beobachtende stärkere Werteorientierung im Zusammenhang mit Essen und Ernährung wird auch Fragen beim Konsumenten aufwerfen. Hier wird es darum gehen, Aufklärung zu leisten und den Dialog zum Verbraucher weiter zu intensivieren.“
Platz zwei und drei mit jeweils 62 Prozent belegen, so der DGE-Sektionsleiter, zwei Szenarien, die reflektierten Genuss und das Gemeinschaftserlebnis beim Essen ins Zentrum stellen. Im ersten Szenario werde Ernährung nach einem individuellen Gesundheitsprofil per Apps oder personalisierten Armbändern ausgerichtet. In dem anderen Szenario würden Lebensmittel des täglichen Bedarfs in der Regel online bestellt und geliefert. Supermärkte und Spezialitätengeschäfte würden nur noch der Anregung, um neue Produkte kennen zu lernen. dienen. Gekocht werde immer weniger zu Hause, sondern gemeinsam in Großküchen in der Nachbarschaft.

Zusammenfassend lässt sich aus Sicht der LVN sagen, dass die dargestellten Szenarien für uns heute zwar sehr befremdlich klingen mögen, die Grundlagen jedoch auf aktuellen Trends in der Ernährung, z.B. zunehmende Außerhaus-Verpflegung, wachsendes Bewusstsein für Nachhaltigkeit und werteorientierte Auswahl der Lebensmittel basierten und von daher ihre Berechtigung haben. Klar ist, dass es nicht ein einziges Ernährungsmuster der Zukunft geben wird, sondern eine Bandbreite an Entwicklungen. Diese werden auch im Foodreport 2015 (Hrsg. Zukunftsinstiut und Lebensmittelzeitung) umfassend beschrieben. Die Autoren stellen hier z.B. auch den „Fleischliebhaber aus kulinarischer Überzeugung, der das Handwerk des Zerlegens und Wurstmachens in Metzgerkursen erlernt, Grillkurse besucht, Fleischspezialitäten im Internetversand bestellt und „kuh-le Videos auf My KuhTube (:) schaut. Zurück zur Studie: Die aufgezeigten Szenarien sind denkbare Entwicklungen. Die Kreation entsprechender Produkte wird auch für die Milchwirtschaft in Niedersachsen eine Zukunftsaufgabe sein. Man sollte dabei allerdings nicht vergessen, dass es sich um Vorhersagen handelt und die befragten Teilnehmen diese fiktiven, vorgedachten Szenarien zur Bewertung vorgelegt bekamen. Ob wir in Zukunft tatsächlich einen mit Heuschreckenprotein angereicherten Joghurt essen, wird sich zeigen.

Nestlé Deutschland AG/LVN

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