DIALOG MILCH – Webinar: „Milch und Milchprodukte an der Warenterminbörse“

06. April 2017

DIALOG MILCH – Webinar: „Milch und Milchprodukte an der Warenterminbörse“

Das Thema Preisabsicherung an Warenterminmärkten ist vielen Insidern bereits aus anderen Märkten bekannt. Im Bereich der Milchwirtschaft wurde dieses Instrument bisher sehr begrenzt eingesetzt – teilweise aus Unkenntnis, teilweise aber auch aus Skepsis.
Um die Thematik näher und objektiv beleuchten zu können, konnte DIALOG MILCH mit Johann Kalverkamp, Vorstand der VR Agrar Beratung AG, einen ausgewiesenen Kenner der landwirtschaftlichen Börsenszene gewinnen. Für den Bezug zur Praxis sorgte Hendrik Lübben, Vorsitzender des Milchausschusses im Kreislandvolk Wesermarsch.
Johann Kalverkamp schilderte den Journalisten anhand einer Kurzpräsentation die Grundprinzipien der Preisabsicherung an der Warenterminbörse. Er stellte gleich zu Beginn des Webinars klar, dass nur derjenige Milcherzeuger sinnvoll einen Preis absichern könne, der seine eigenen Kostenstrukturen im Betrieb kenne. Eine Warenterminbörse könne für Milcherzeuger ein Instrument sein, Preise für die Zukunft zu planen, so Kalverkamp. Das könne ein Milcherzeuger heute in der klassischen Lieferbeziehung so nicht. D. h. der Erzeuger müsse sich bereits in einer positiven Marktphase damit beschäftigen, mit welchem Preis er z.B. in den nächsten 18 Monaten planen kann. Er habe dann die Möglichkeit, bestimmte Milchmengen für die Zukunft für einen bestimmten Preis abzusichern. Einzelnen Milcherzeugern sei ein direkter Zugang zur Börse kaum möglich. Deshalb sei ein erstes Absicherungsmodell zusammen mit einer norddeutschen Molkerei entwickelt worden, welches Milcherzeugern einen einfacheren Zugang zur Milchpreisabsicherung schaffe. In diesem Modell fungiere die Molkerei gemäß dem Förderauftrag als Dienstleister für ihre Milcherzeuger, aber nicht als Finanzdienstleister.

Lübben: Brauchen mehr Planungssicherheit
Hendrik Lübben stellte den Journalisten den eigenen Betrieb vor. Aus seinen Ausführungen wurde deutlich, dass Marktschwankungen, insbesondere in einer Region wie der Wesermarsch, in der die Familien ausschließlich von der Milcherzeugung auf ihrem Hof lebten, existenzielle Auswirkungen hätten. Für ihn sei eine bessere Planbarkeit der Einkünfte deshalb von immenser Bedeutung. Er schilderte die Schwierigkeiten und Hemmnisse, die für einen Milcherzeuger auftreten würden, wenn er selbst Preisabsicherung an der Börse betreiben wolle. Aus den Ausführungen wurde deutlich, dass Milcherzeuger hierzu die Unterstützung ihrer Molkerei benötigen. Da seine Molkerei mit einem Absicherungsmodell beginne, sei er einer von den Landwirten, der damit in der Pilotphase starten werde. Lübben verdeutlichte, dass zurzeit lediglich Butter und Pulverkontrakte gehandelt werden können. Ein Landwirt mittlerer Größe könne aufgrund seiner vergleichsweise kleinen Mengen, in Relation zu den großen Kontrakten, bisher keine kontinuierliche Teilabsicherung verteilt über einen längeren Zeitraum durchführen. In einer besseren Transparenz zwischen Kassamarkt und Finanzmarkt und einer leichteren Mengenaufteilung sieht Lübben eine Möglichkeit, eventuell zukünftig Rohmilchkontrakte handeln zu können.

Kalverkamp: Molkereien bereiten sich vor
Die Journalisten machten regen Gebrauch von der Möglichkeit während des Webinars Fragen an die Referenten in den Chatraum zu formulieren. Zum einem wurde gefragt, weshalb der Milchsektor die Möglichkeit der Preisabsicherung bisher so wenig genutzt habe. Johann Kalverkamp erläuterte, dass die Absicherung von Milchpreisen die Börse schon vor eine größere Herausforderung gestellt habe. Der Markt für Milch sei ein komplett anderer als z. B. der Markt für Weizen. Bei Weizen, so Kalverkamp, gebe es eine Ernte und das Produkt sei lagerfähig. Für Milch seien die Rahmenbedingungen deutlich anders. Zum einen werde Milch kontinuierlich nachproduziert, d. h. das Angebot hänge nicht von einer Ernte ab. Zum anderen werde ein Milchprodukt durchschnittlich 2-3 Monate gelagert, d. h. der Gegenwert für den Kassamarkt in Form gelagerter Ware sei, anders als z.B. bei Getreide, in den meisten Fällen zum Börsentermin nicht mehr vorhanden.
Im weiteren Verlauf erläuterten Johann Kalverkamp und Hendrik Lübben weitere Fragen der Journalisten. Es wurde deutlich, dass die Bedeutung der Preisabsicherung an Warenterminbörsen mit zunehmendem Engagement der Molkereien deutlich steigen wird. Wünschenswert wäre es, wenn sich auf der Käuferseite an der Warenterminbörse neben der weiterverarbeitenden Branche auch der deutsche Lebensmitteleinzelhandel stärker etablieren würde.
Ein verstärkter Handel mit „Futures“ führe auch dazu, dass die Liquidität an der Börse steige und die erforderlichen Sicherheitsleistungen geringer würden. Erfahrungen aus anderen Ländern, insbesondere der USA zeigen, dass dort das Thema Absicherung über Börsenmärkte deutlich stärker etabliert ist und teilweise sogar verpflichtend als Instrument genutzt werden müsse, so Kalverkamp. Davon sei man in Deutschland noch weit entfernt, aber durch zunehmende Aufklärung, Transparenz und Information in der gesamten Wertschöpfungskette Milch werde die Akzeptanz für die Möglichkeiten der Preisabsicherung gesteigert. „Auch in Deutschland bereiten sich die Molkereien vor“, so Kalverkamp.
LVN/Feuerriegel

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