Antibiotikaresistenzen – ein Thema für Human- und Tiermedizin

01. September 2019

Antibiotikaresistenzen – ein Thema für Human- und Tiermedizin

Rund 200 Teilnehmer besuchten die Tagung in der Ärztekammer Hannover, zu der die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE), Sektion Niedersachsen, gemeinsam mit dem Niedersächsischen Landesamt für Verbrau-cherschutz und Lebensmittelsicherheit (LAVES) und der Fortbildungsabteilung der Ärztekammer Niedersachsen eingeladen hatte.

Es besteht Konsens sowohl in der Human- als auch in der Tiermedizin, dass jede Anwendung von Antibiotika das Risiko mit sich bringt, dass Bakterien gegen die verabreichten Wirkstoffe resistent werden. Daher erwähnte Minister Gert Lindemann bereits in seinen Grußworten das Antibiotika-Minimierungskonzept des Niedersächsi-schen Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft, Verbraucherschutz und Landesentwicklung, auf das der Prä-sident des LAVES, Prof. Dr. Eberhard Haunhorst, in seinem Referat näher einging. Basis des Konzeptes ist die Forderung nach einer elektronischen Erfassung der Abgabe- bzw. Verbrauchsmengen von Arzneimitteln. Darauf basierend sollen Messgrößen eingeführt werden, die eine qualitative und quantitative Einschätzung des Antibiotikaeinsatzes eines Betriebes ermöglichen. Bei überdurchschnittlichem Einsatz sollen Maßnahmen ein-geleitet werden.

Dr. med. Matthias Pulz, Präsident des Niedersächsischen Landesgesundheitsamtes, stellte u.a. die Entwicklung der Resistenzsituation bei MRSA (Methicillin-resistente Staphylococus aureus) und ESBL tragenden Keimen (Extended Spectrum Beta-Lactamase; Enzym, das Enterobakterien gegen Penicilline und viele andere Antibio-tika resistent macht) in Niedersachsen von 2006 bis 2010 dar. Außerdem berichtete er über eine niedersächsi-sche Studie im Krankenhausbereich: Bei 3 % der stationär aufgenommenen Patienten wurde MRSA festgestellt. Dabei stammten 78 % der nachgewiesenen MRSA aus Krankenhäusern und anderen Einrichtungen, während 22 % aus dem sogenannten tierassoziierten Bereich kamen. In der Diskussion wurde die Rolle der aus dem landwirtschaftlichen Bereich stammenden resistenten Keime diskutiert.

Verbraucher und Tierhaltung

„Wann immer man über Tierhaltung in Deutschland, Antibiotikaeinsatz oder neue Ställe diskutiert wird, fällt mit großer Wahrscheinlichkeit der Begriff Massentierhaltung“, so Prof. Dr. Achim Spiller von der Fakultät für Agrar-wissenschaften der Georg-August-Universität Göttingen. Was denken Verbraucher über großbetriebliche Tier-haltung? Mit dieser Frage befasste sich eine aktuelle Studie der Uni Göttingen. Die befragten Konsumenten verbänden damit extrem negative Assoziationen, wie Tierquälerei und Platzmangel. Massentierhaltung vermuten die Verbraucher in erster Linie bei Geflügel, häufig bei Schweinen und fast gar nicht bei Kühen, so Spiller. Massentierhaltung beginne bei 90 % der Verbraucher ab 500 Rindern, 1.000 Schweinen und 5.000 Hähnchen. Diese Werte weichen unterschiedlich stark von der Realität ab, die durchschnittliche Milchkuhzahl pro Betrieb liege in Niedersachsen bei rund 50. Problematisch finden die meisten Verbraucher den Verlust der Wertschät-zung für das einzelne Tier, die Verantwortung sehen sie vor allem bei der Politik. Begriffe, wie „konventionelle Tierhaltung“ sind positiver besetzt. Wissenschaftlich nicht belegt sind, so Spiller, weder die Abhängigkeiten von Betriebsgröße und Tierwohl noch die zwischen Betriebsgröße und Antibiotikaeinsatz.

Die Fleischwirtschaft müsse seiner Meinung nach aktiv an der Tierfreundlichkeit arbeiten. So schlägt er die Entwicklung von mehr Qualitätssegmenten zwischen konventionell und Bio vor, die den Mehrwert Tierschutz ausloben und preislich 20-30 % über dem Standard lägen. Dieses könne die große Lücke zwischen den An-sprüchen der Gesellschaft und der Branchenentwicklung schließen. Die Milchwirtschaft verfüge hingegen über ein deutlich größeres Vertrauenspolster, solle aber proaktiv an ihrem Tierschutz-Image arbeiten und Themen wie Weidehaltung offensiv angehen. Kühe seien für den Verbraucher heute noch sichtbar, so der Wissenschaftler, so dass er sich selbst ein Bild von den Haltungsbedingungen machen könne.

Der verwirrte Verbraucher

Auch der Vortrag von PD Dr. med Thomas Ellrott, Leiter der DGE Sektion Niedersachsen und tätig in der Uni-versitätsmedizin Göttingen stellte den Verbraucher in den Fokus. Dieser sei extrem verunsichert und überfor-dert. Dazu führten 200.000 Produkte im Handel, ständig neue Label und Kennzeichnungsvorschriften sowie die zunehmende Zahl internationaler Produkte. Darüber hinaus trage die widersprüchliche Medienberichterstattung zur Verwirrung bei. Essen und Trinken sei zu komplex, hier lasse sich das eindimensionale „Geiz ist geil-Prinzip“ nicht übertragen. Wissenschaftler und Fachgesellschaften seien zu langsam in der Kommunikation und würden das Feld sogenannten selbst ernannten Experten überlassen. „Sie müssen stärker und schneller in der öffentlichen Kommunikation präsent sein“, so Ellrott. Außerdem müsse der Verbraucher wieder mehr Fertigkei-ten im Umgang mit Lebensmitteln entwickeln, um die Wertschöpfung zu erhöhen.              

LVN/Fritsch/Licher

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