„frei von“ Lebensmittel: Trend-Nahrungsmittel oder sinnvolle Ergänzung?

20. August 2015

„frei von“ Lebensmittel: Trend-Nahrungsmittel oder sinnvolle Ergänzung?

Die Lebensmittelindustrie hat sich mit einer immer größer werdenden Bandbreite an neuen Produktentwicklungen auf diese Palette eingeschossen und der Handel vermarktet sie aktiv. Auch die Medien begleiten das Thema intensiv und sorgen für hohe Aufmerksamkeit bei den Verbrauchern. Es gibt allerdings beim Umgang mit dem Thema „frei von“-Lebensmitteln kritische Anmerkungen von Verbraucherschützern und Ernährungswissenschaftlern.
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung e.V. (DGE) hat sich in ihrer Fachinformation vom August 2015 in einem ausführlichen Artikel mit dem Status Quo und einem Ausblick mit dieser Thematik beschäftigt. Die wichtigsten Punkte möchten wir als Landesvereinigung der Milchwirtschaft Niedersachsen e.V. hier erläutern.

Nahrungsmittelallergien treten häufig in der frühen Kindheit auf und verschwinden dann spontan in den ersten Lebensjahren wieder. Bei Kindern betrifft die Häufigkeit einer Lebensmittelallergie etwa 4 – 6 %. Bei Erwachsenen ca. 1 – 2 %.
Deutlich häufiger kommen Nahrungsmittelunverträglichkeiten vor. Sie werden meist durch Kohlenhydrate, wie z.B. Laktose oder Fruktose ausgelöst, seltener durch biogene Amine, wie z.B. Histamin oder  Eiweißstoffe wie Gluten.
Die „frei von“-Produkte werden jedoch längst nicht mehr nur von Menschen mit einer nachgewiesenen Lebensmittelunverträglichkeit konsumiert. Manche nicht betroffene Menschen halten diese Produkte per se für gesünder oder erhoffen sich dadurch abnehmen zu können. Andere sind durch unspezifische Symptome verunsichert und verzichten – auch ohne ärztliche Diagnose – vorsorglich auf bestimmte Lebensmittelbestandteile, weil sie sich dadurch Besserung erhoffen. Häufig spielen bei dieser Ernährungsumstellung neben Informationen aus den Medien, wie dem Internet, auch Empfehlungen von Freunden oder selbsternannten Ernährungsfachleuten eine Rolle.

Laktosefreie Milch und Milcherzeugnisse
Ca. 15 – 20 % der Deutschen leiden unter einer Laktoseintoleranz. Sie vertragen keinen Milchzucker. Die Unverträglichkeit beruht auf dem Fehlen oder der verringerten Bildung des Enzyms Laktase, das im Dünndarm Milchzucker aufspaltet.
Der Markt mit den speziell für diesen Personenkreis erzeugten Milchprodukten ohne Laktose profitiert derzeit von einem großen Wachstum. Von 2011 bis 2014 hat sich die Zahl der Käufer um 70 % auf knapp 9 Millionen erhöht. Jeder 7. Haushalt konsumierte 2014 laktosefreie Milch. Jedoch haben von den Käufern nur 18 % tatsächlich eine Laktoseunverträglichkeit.
Neben Milch, Joghurt und Sahne werden auch andere Lebensmittel wie Süßwaren oder Gebäck in einer laktosefreien Variante angeboten, da diese Produktgruppen den Milchzucker regelmäßig als Zutat enthalten.
Für die von einer Laktoseunverträglichkeit Betroffenen ist das wachsende Angebot an „frei von Laktose“-Produkten eine sinnvolle Ergänzung des Speiseplans und hilft die Kalziumversorgung zu gewährleisten. Irreführend sei es nach Meinung von Verbraucherschützern allerdings, wenn durch das Produkt der Eindruck entsteht, diese Lebensmittel seien für Jedermann eine gesündere Alternative, zumal diese Produkte deutlich teurer sind, als die Konventionellen. Auch das Werben mit dem Begriff laktosefrei, bei natürlicherweise laktosefreien Erzeugnissen wie gereiftem Käse, wird kritisiert. Die Verbraucherzentralen fordern eine lebensmittelrechtliche Regelung des Begriffs „laktosefrei“ und eine eindeutige Kennzeichnung „von Natur aus laktosefrei“ bei entsprechenden Käsesorten.

Fruktosearme Lebensmittel
Eine Fruktosemalabsorbtion (FM) tritt in Europa noch häufiger auf als die Laktoseunverträglichkeit. Ca. 1/3 der Erwachsenen und 2/3 der Kinder vertragen den in Obst enthaltenen Fruchtzucker nicht. Die Fruktosemalabsorbtion darf nicht mit der hereditären Fruktoseintoleranz (HFI) verwechselt werden. Diese ist in Deutschland selten und beruht auf einem angeborenen Enzymdefekt und erfordert eine strenge lebenslange fruktosefreie Diät. Bei der FM ist ein kompletter Verzicht nicht nötig. Erst bei Mengen über einem individuellen Schwellenwert kommt es zu Symptomen wie Blähungen und Durchfall.
Da Fruktose nicht nur in Obst, sondern auch in Erfrischungsgetränken, Back- und Süßwaren, Milcherzeugnissen und Müsliriegeln eingesetzt wird, gibt es auch hier eine zunehmende Präsenz ausgewiesener fruktosefreier Lebensmittel.
Die DGE empfiehlt Menschen, die der Meinung sind Fruchtzucker nicht gut zu vertragen, erst einmal eine ärztliche Diagnose einzuholen und bei einem bestätigten Verdacht mit Hilfe einer professionellen Ernährungsfachkraft den eigenen individuellen Schwellenwert auszutesten. Von einem dauerhaften Verzicht auf Obst wird bei einer FM aufgrund des wichtigen Beitrags zur Versorgung mit Vitamin C, Folat, Kalium und Ballaststoffen dringend abgeraten. Es sollten jedoch fruktosearme Obstsorten sowie Gemüse gegessen werden.

Glutenfreie Lebensmittel
Menschen die an einer Zöliakie leiden vertragen das sogenannte Klebereiweiß in Weizen, Dinkel, Roggen, Hafer, Gerste oder Grünkern nicht. Die Zöliakie ist eine starke Immunerkrankung des Dünndarms. 0,5 bis 1 % der Deutschen leiden nachweislich unter dieser Krankheit. Sie galt bis vor kurzem als eher selten. In den letzten Jahren haben, durch die erhöhte Aufmerksamkeit der Ärzte und verbesserte Diagnosemöglichkeiten, sowohl die Zahl der erkannten Fälle, aber auch der Zahl der absoluten Krankheitsfälle zugenommen.
Glutenfreie Lebensmittel eignen sich für Menschen mit Zöliakie, sowie für Personen mit einer Weizenallergie (0,1 % der Bevölkerung) und auch Glutensensitive (USA 6 % der Bevölkerung) profitieren von glutenfreien Lebensmitteln. Um Mangelernährung oder Diätfehler zu vermeiden, sollten Betroffene sich eingehend beraten lassen.
Durch eine große Verbreitung und starke Bewerbung der Produkte in den Medien und im Handel sowie  durch prominente Vorbilder motiviert, greifen zunehmend auch Gesunde zu glutenfreien Lebensmitteln, weil sie sie als vermeintlich gesünder wahrnehmen und sich ggf. sogar erhoffen dadurch Gewicht abzunehmen. Dafür gibt es jedoch keine wissenschaftlichen Belege. Die Verbraucherzentralen kritisieren auch hier, dass durch die Bewerbung auch Personen zum Kauf angeregt werden, die keine medizinische Indikation haben.
Der Umsatz mit glutenfreien Lebensmitteln ist von 2010 bis 2012 von 39 auf 54,2 Millionen gewachsen. Sie sind heute neben Drogerien und Reformhäusern auch im konventionellen Lebensmitteleinzelhandel zu bekommen.

Ohne die Allergene Ei, Haselnüsse, Schalentiere etc.
Ca. 3 – 4 % der Deutschen leiden an einer Lebensmittelallergie. Eine Umfrage der Techniker Krankenkasse deutet darauf hin, dass auch bei den Allergien deutlich mehr Menschen glauben, auf bestimmte Lebensmittel allergisch zu sein, bzw. sogar allergisch reagieren. Für die Ernährungsbedürfnisse von Allergikern spielen „frei von“-Produkte ebenfalls eine Rolle. Den Betroffenen sollte die neue Lebensmittelinformationsverordnung mit dem verpflichtenden Ausweisen der 14 Hauptallergene bei allen  verpackten und unverpackten Lebensmitteln eine Hilfe sein.

Welche Entwicklungen zukünftig interessant sein werden zeigt eine Nielsen-Umfrage unter 30.000 Verbrauchern in 60 Ländern. So wäre es 47 % der Europäer wichtig, dass Lebensmittel frei von gentechnisch veränderten Bestandteilen sind. 40 % ist die Abwesenheit von künstlichen Farbstoffen und Aromen wichtig. 32 % wünschen kein/wenig Cholesterol, 26 % wenig Salz und 19 % ist eine Abwesenheit von Kohlenhydraten wichtig.

Fazit
In den nächsten Jahren werden Hersteller und Handel weiter zunehmend Produkte anbieten, die bewusst auf Inhaltsstoffe verzichten, die Ursache von Allergien oder Unverträglichkeiten sein können. Für die Betroffenen ist das von großem Vorteil, da ihnen ein breites Spektrum an Lebensmitteln zur Verfügung steht. Durch eine transparentere Lebensmittelkennzeichnung wird es Betroffenen besser gelingen, geeignete Nahrungsmittel auszuwählen. Die Deklaration sollte dabei allerdings nicht dahingehend irreführend sein, dass der Anschein entsteht, diese Produkte seien für „Jedermann besser“.
Auf keinen Fall sollte das vermehrte Vorhandensein der „frei von“-Lebensmitteln dazu führen, dass Kinder und Erwachsene ohne Allergie oder Unverträglichkeit pauschal auf ganze Lebensmittelgruppen wie Milch, Obst oder Weizenvollkornprodukte verzichten, denn dadurch könnte es zu einer Mangelversorgung bei wichtigen Vitaminen und Mineralstoffen kommen.
Durch gezielte medizinische Untersuchungen sollten Personen, die einen Verdacht auf eine Lebensmittelunverträglichkeit haben, diese beim Arzt untersuchen lassen. Von restriktiven Diäten aufgrund vermuteter Intoleranzen ist abzuraten, da dies zu Unterversorgungen und negativen Folgen für die Gesundheit führen kann.

LVN/Möhring

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