Krebs und Ernährung: 17. Niedersächsisches Ernährungsforum Hannover 2013
Nach Grußworten von Heidemarie Helmsmüller vom Niedersächsischen Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz und Marion Renneberg, Vorstandsmitglied der Ärztekammer Niedersachsen, standen sowohl Aspekte der Prävention als auch der Ernährungstherapie für onkologische Patienten auf der Tagesordnung. In ihrem Grußwort hob Frau Helmsmüller unter anderem die Einführung des Schulobstprogramms 2014/2015 als eine Maßnahme mit dem Ziel einer gesunden Lebensweise hervor.
Im Bereich der Prävention hielt als erstes Prof. Dr. Claus Leitzmann, Universität Gießen, seinen Vortrag mit dem Titel „Krebs vorbeugen: Auf die Ernährung kommt es an! – Krebspräventive und krebsfördernde Faktoren“.
Leitzmann startete mit einer schlechten und einer guten Botschaft.
1. Die schlechte Nachricht: Krebs sei in unserer zivilisierten Gesellschaft eine Geißel der Menschheit.
2. Die gute Nachricht: Krebs sei eine weitgehend vermeidbare Krankheit.
Nachdem Leitzmann die Verbreitung und Ursachen von Krebserkrankungen erläuterte, stellte er dem Auditorium Faktoren für eine präventive Lebensweise vor.
Die Faktoren für eine präventive Lebensweise seien inzwischen hinreichend bekannt: Eine vollwertige Ernährung, das Meiden von Übergewicht und Zigarettenrauch sowie ausreichende körperliche Aktivität. Eine optimal zusammengestellte Kost überwiegend aus pflanzlichen Lebensmitteln, die möglichst wenig verarbeitet sind und deren schonende Zubereitung, könne am wirkungsvollsten das Risiko an Krebs zu erkranken, senken. Diese Aussagen seien gestützt durch die Daten der weltweit veröffentlichten wissenschaftlichen Studien über den Zusammenhang von Ernährung und Krebs.
Hierzu nannte er konkret die acht Empfehlungen, die aus dem Report des World Cancer Research Fund / American Institute for Cancer Research hervorgehen.
1. Bleiben Sie so schlank wie möglich, und zwar innerhalb des normalen Körpergewichtbereichs (BMI 21-23).
Übergewicht ist besonders stark assoziiert mit einem erhöhten Krebsrisiko für Darm, Bauchspeicheldrüse, Brust und Nieren. Ein Übergewicht von 20-30 % gilt als Risiko. In Kombination mit Rauchen und Alkoholkonsum gilt das Risiko ab 15 % Übergewicht.
2. Integrieren Sie körperliche Aktivität in Ihren Alltag (zunächst täglich 30 Minuten moderat, später 60 Minuten moderat oder 30 Minuten intensiv).
Körperliche Aktivität kann das Risiko für einige Krebsarten (Dickdarm, Brust, Gebärmutterschleimhaut) mit einiger Wahrscheinlichkeit senken und beugt Übergewicht vor.
3. Begrenzen Sie den Verzehr energiedichter Lebensmittel (> 225 kcal/100g).
Meiden Sie zuckerhaltige Getränke. Energiedichte Lebensmittel fördern die Körpergewichtszunahme und damit Übergewicht und verdrängen oft energiearme Lebensmittel mit hoher Nährstoffdichte. Nahrungsenergie in Form gesüßter Getränke trägt wenig zum Sättigungsgefühl bei.
4. Essen Sie vorwiegend Lebensmittel pflanzlichen Ursprungs.
Pflanzliche Lebensmittel wie Gemüse, Obst und Getreide enthalten neben Vitaminen und Mineralstoffen auch Ballaststoffe sowie eine große Anzahl antikanzerogener Verbindungen wie Carotenoide, Flavonoide und Glucosinolate, die sich auch positiv bei anderen Erkrankungen auswirken. Hülsenfrüchte und Nüsse sind wertvolle Nährstofflieferanten.
5. Schränken Sie den Verzehr von rotem Fleisch ein und meiden Sie verarbeitetes Fleisch (gepökelt, gebeizt, geräuchert).
Ein hoher Verzehr von rotem Fleisch (Rind, Schwein, Schaf, Ziege) ist u. a. aufgrund des Hämeisengehalts mit einem erhöhten Risiko für Dickdarmkrebs verbunden. Dieses trifft nicht für weißes Fleisch (Geflügel, Fisch) zu.
6. Begrenzen Sie den Konsum alkoholischer Getränke.
Alkoholkonsum ist (ohne Schwellenwert) mit einem erhöhten Krebsrisiko für Mund, Rachen, Speiseröhre, Dickdarm und Brust verbunden. Trotzdem wird der Konsum von einem Glas pro Tag für Frauen (10-15 g reinen Alkohol) und zwei Gläsern für Männer akzeptiert, weil diese Mengen beim gesunden Erwachsenen protektiv für Herz-Kreislauferkrankungen wirken.
7. Begrenzen Sie den Salzkonsum. Meiden Sie den Verzehr von verschimmelten Getreide(produkten) und Hülsenfrüchten.
Ein hoher Salzkonsum kann das Magenkrebsrisiko u. a. durch eine Schädigung der Magenwand sowie Synergismen mit anderen Kanzerogenen erhöhen. Die Aufnahme von Aflatoxinen aus Schimmelpilzen steht im direkten Zusammenhang mit Leberkrebs, der besonders in tropischen Ländern häufig zu finden ist.
8. Bemühen Sie sich, den Nährstoffbedarf ausschließlich über die Ernährung zu decken.
Hochdosierte Supplemente können die Nährstoffabsorption anderer Nährstoffe beeinflussen und das Krebsrisiko erhöhen; sie werden nicht zur Krebsprävention empfohlen. Gesunde Menschen sollten ihren Nährstoffbedarf mit Lebensmitteln decken.
Zwei Sonderempfehlungen für Risikogruppen:
Leitzmann schloss seinen Vortrag mit der Bemerkung, dass das Krebsgeschehen sehr komplex sei. Da es bisher nur partiell erklärt werden kann, ist zu erwarten, dass es teilweise widersprüchliche Empfehlungen zur Krebsprävention gibt. Epidemiologen und Grundlagenforscher gewichten und interpretieren die vorliegenden Daten unterschiedlich. Trotzdem wird bei der endgültigen Festlegung auf Empfehlungen eine weitaus überwiegende Einigung erreicht. Die Möglichkeiten zur Krebsprävention sind eine Aufforderung zum Handeln. Die Verantwortlichen in der Gesundheitspolitik sowie die Lebensmittelindustrie können viel für die Gesundheit der Bevölkerung tun. Der einzelne Mensch kann die Empfehlungen zur Krebsprävention direkt im Alltagsleben umsetzen. Die Empfehlungen sind auch eine Orientierung für die Berufsgruppen im Gesundheitswesen wie Ärzte, Apotheker, Gesundheits- und Ernährungsberater sowie für alle Medien.
Als zweite Referentin im Bereich der Krebsprävention war Elke Bruns-Philipps, Leiterin der Abteilung Spezielle Fachaufgaben des Öffentlichen Gesundheitsdienstes beim Landesgesundheitsamt Niedersachsen geladen.
Ihr Vortrag war mit „Krebserkrankungen und Lebensstil – Aktuelle Datenlage“ überschrieben.
In Niedersachsen erkrankten 2010 47.961 Menschen neu an einem bösartigen Tumor; 25.656 Männer und 22.305 Frauen.
Im Jahr 2010 sind 21.606 Menschen an Krebs gestorben. Damit erkrankt jeder dritte Mensch im Lauf seines Lebens an Krebs, jeder vierte stirbt daran.
Den Einfluss von Lebensstilfaktoren auf die Krebsentstehung nachzuweisen und zu quantifizieren sei schwierig: In der Regel erfolgte dies nicht durch prospektive, klinische Studien sondern epidemiologisch d. h. durch retrospektive Erhebungen und den statistischen Vergleich von Gruppen mit unterschiedlichem Verhalten.
Trotzdem erläuterte Bruns-Philipps die wichtigsten Lebensstilfaktoren im Hinblick auf Krebsprävention, die sich im Wesentlichen mit den Ausführungen von Leitzmann decken.
Der am besten und inzwischen für eine Vielzahl von Krebs schädigende „Lebensstilfaktor“ sei das Rauchen. Epidemiologische Studien gehen davon aus, dass bis zu 40 % aller Krebserkrankungen durch das Rauchen zumindest mit ausgelöst werden.
Bei der Rolle der Ernährung in der Krebsprävention sei laut Bruns-Philipps zu trennen zwischen Ernährungsinhalten und der Menge. In den genannten Wirkweisen bestätigte sie nochmals die oben genannten Erkenntnisse betonte dabei jedoch noch einmal den Risikofaktor Übergewicht, der über das metabolisch hoch aktive Fettgewebe im Bauchraum besonders bei Frauen zu einer Risikoerhöhung für Brustkrebs führe.
Sport dagegen hätte positive Wirkung hinsichtlich der Gewichtskontrolle und epidemiologischen Studien gingen davon aus, dass bis zu 15 % aller Krebsfälle durch hinreichende körperliche Aktivität vermeidbar wären.
Prof. Dr. med. Christian Löser, Rotes Kreuz Krankenhaus Kassel, beleuchtete die Ernährung im Rahmen von etablierten onkologischen Therapien und bei der Prävention nach einer behandelten Krebserkrankung. Eine aggressive onkologische Therapie (Chemotherapie, Strahlentherapie) setzt eine adäquate individuelle Ernährungsstrategie voraus. Im Rahmen der Betreuung von Tumorpatienten gehören Fragen nach dem Gewichtsverlauf und Problemen bei der Ernährung unabdingbar zu jedem Arzt-Patienten-Kontakt. Klinisch-wissenschaftliche Studien belegen überzeugend, dass je nach zugrunde liegender Tumorentität (= Tumorart) 40 – 90 % aller betroffenen onkologischen Patienten bereits vor DiagnosesteIlung über einen relevanten Gewichtsverlust im Sinne einer progredienten (= bei fortgeschrittener Krankheit) Mangelernährung klagen. Mangelernährung ist ein unabhängiger Risikofaktor, der alle relevanten klinischen Parameter signifikant beeinflussen kann. Bei onkologischen Patienten senkt eine fortschreitende Mangelernährung signifikant die Lebensqualität der Patienten, verschlechtert die Prognose, reduziert die Therapietoleranz, steigert die Therapieabbruchraten und reduziert signifikant die Überlebenszeit. Löser stellte das „Kasseler Modell“ der Ernährungstherapie in sehr konkreter und praxisorientierter Form vor. Dieses wurde von den anwesenden Ernährungsfachleuten mit großem Interesse aufgenommen.
Zur Frage, ob es eine spezifische Krebsdiät gibt, die man ärztlicherseits Patienten anraten kann, wurde kürzlich eine systematische Literaturrecherche durchgeführt. Trotz intensiver Literaturrecherche konnten zu keiner der propagierten Krebsdiäten ausreichende klinische Studien oder systematisch erhobene wissenschaftliche Daten gefunden werden. Im Gegenteil, für viele der von verschiedenen Seiten propagierten Krebsdiäten fanden sich in der wissenschaftlichen Literatur Hinweise für zum Teil erhebliche Nebenwirkungen, wie z. B. die Verstärkung einer Katabolie (= Abbaustoffwechsel bei negativer Energiebilanz). Aufgrund der aktuellen wissenschaftlichen Analyse gäbe es derzeit keine medizinisch begründbare Indikation für die Empfehlung bzw. Anwendung einer spezifischen Krebsdiät. Hier sei es für die Praxis sehr wichtig, ausreichend und sensibel mit den onkologischen Patienten diese Thematik zu erörtern.
Im Anschluss erläuterte Dr. rer. med. Angela Jordan Diätassistentin & Diplom-Oecotrophologin, die in der ambulanten Ernährungsberatung des Rote Kreuz Krankenhauses Kassel tätig ist, in ihrem Vortrag „Diättherapie für Krebspatienten – Praktische Aspekte der Ernährungsberatung“ anhand von konkreten Fallbeispielen aus ihrem Berufsleben die Ernährungstherapie.
Wer sich für die Zusammenfassungen der Tagung interessiert, kann sich an die LVN wenden oder diese in den nächsten Tagen auf der Internetseite der DGE Sektion Niedersachsen https://www.dge-niedersachsen.de/ zum Download finden.
Auf die Rolle von Kuhmilch im Zusammenhang mit Krebsprävention/Krebsrisiken wurde auf dieser Veranstaltung nicht eingegangen. Hierzu können Sie jedoch unserem Artikel „Gesundheitliche Aspekte von Milch und Milchprodukten – Max Rubner Conference 2013“ aus den Aktuellen Informationen Nr. 41 vom 18.10.2013 die wichtigsten Fakten entnehmen.
LVN/Möhring
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