Renommierte Züchter wollen Gentechnik ohne Patentierung

12. August 2010

Renommierte Züchter wollen Gentechnik ohne Patentierung

Der Einsatz molekulargenetischer Verfahren wird die Tierzucht künftig stark verändern. Das ist vergangene Woche auf dem alle vier Jahre stattfindenden 9. Weltkongress für angewandte Genetik in der Tierproduktion (WCGALP) in Leipzig deutlich geworden, der erstmals in Deutschland ausgerichtet wurde. „Mit der genomischen Selektion bricht eine neue Ära in der Tierzucht an“, erklärte Prof. Ernst Kalm von der Christian-Albrechts-Universität Kiel, der zu den Pionieren der Genomanalyse beim Rind in Deutschland gehört. In den achtziger Jahren hätten nur wenige an die Tragweite des Ansatzes geglaubt. Heute nehme die deutsche Agrarwissenschaft bei der Forschung zur genomischen Selektion international einen Spitzenplatz ein. Bei der genomischen Selektion muss nicht das gesamte Genom entschlüsselt werden. Vielmehr wird mit Markern gearbeitet, um das für die Zucht benötigte Erbgut zu finden. Für unproblematisch hält Kalm das Klonen von Nutztieren, über das in Deutschland und anderen Ländern der Europäischen Union ein heftiger Streit entbrannt ist. Beispielsweise fordert das Europaparlament ein Klonverbot. Dagegen befürwortet Kalm ein liberales Vorgehen wie in den Vereinigten Staaten, wo auch eine Kennzeichnung des Fleisches geklonter Tiere und von deren Nachkommen nicht nötig ist. Starke Vorbehalte hegt der Kieler Wissenschaftler andererseits gegenüber der Patentierung von Erbgutinformationen. „Ich sehe da nach wie vor Gefahren“, sagte Kalm gegenüber dem Presse- und Informationsdienst AGRA-EUROPE und kritisierte den US-Agrarkonzern Monsanto. Dieser legt es seiner Meinung nach darauf an, sich „jede kleine Leistungsprüfung“ patentieren lassen zu wollen.

„Ich bin kein Freund von Patenten“

Die zunehmenden Bestrebungen zur Patentierung von Tieren und Pflanzen haben die Wirtschaft laut Einschätzung Kalms schon viel Geld gekostet. Sowohl Tier- wie auch Pflanzenzuchtvereinigungen in Deutschland hätten Stellen geschaffen, um die Bestrebungen zur Sicherung von Patentansprüchen zu beobachten. „Ich bin kein Freund von Patenten, auch wenn ich selbst eins habe“, betonte der Kieler Wissenschaftler mit Blick auf seine Kooperation mit Forschern aus Frankreich und Schweden, mit denen er herausgefunden hatte, dass der ph-Wert im Fleisch nach 48 Stunden nach der Schlachtung sinkt. Auf dieses in Anlehnung an die getestete Schweinerasse als Hampshire-Effekt bezeichnete Phänomen hält Kalm mit seinen Forschungskollegen ein Patent, dessen Erlöse laut Angaben des Wissenschaftlers aber wieder in sein Institut an der Universität Kiel flossen, und zwar zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses.

Europäisches Patentamt im Fokus

Die Gegner umfassender Patente in der Landwirtschaft hatten Ende April einen ersten Erfolg beim Europäischen Patentamt errungen, als das US-Unternehmen Newsham Choice Genetics sein von Monsanto übernommenes so genanntes Schweinepatent zurückzog. Unterdessen bleibt das Agrarthema beim Europäischen Patentamt aktuell. So hatte die Behörde erst Anfang März ein Patent auf ein Verfahren zur erhöhten Milchleistung bei gentechnisch veränderten Rindern bestätigt. Im Herbst wird mit einer Entscheidung zum Einspruch gegen das so genannte Brokkoli-Patent gerechnet.

„Zuchtfortschritt ist schneller“

Positiv steht Kalm dem Klonen gegenüber: „Schon in den achtziger Jahren haben wir in Kiel einen Dreier-Klon aus Rotbunt-, Schwarzbunt- und Hereford-Rind erzeugt“, erinnert sich der renommierte Wissenschaftler. Eine Regulierung dieses Zuchtverfahrens hält Kalm für unnötig. Schließlich handele es sich beim Klonen um normale Zellen, die nur durch Teilung zusammengefügt würden. Fremde Gene würden nicht eingebracht. Auch sei das Klonen nichts Böses. Generell bestehe in der Gesellschaft aber das Problem, dass der Begriff der Genetik generell negativ besetzt sei, während die Menschen gleichzeitig Tag für Tag Gene mit dem Verzehr von Obst, Gemüse, Fleisch und Wurst in sich aufnähmen. Im Übrigen glaubt der emeritierte Wissenschaftler nicht, dass sich das Klonen in der Züchtung von Nutztieren im großen Stile durchsetzen wird: „Der Zuchtfortschritt ist mit den heutigen Methoden der Genetik schneller, als wenn nachkommengeprüfte Bullen noch geklont werden.“. Allerdings ist er auch der Auffassung, dass das Klonen eine Vermehrungsmethode werden kann, wenn es ökonomisch machbar werden sollte.

Warten auf Reaktion der Behörden auf US-Genlachs

Noch nicht entschieden ist für Kalm die Entwicklung des Gentransfers in der Tierzucht. In den USA werde schon seit zehn Jahren über die Zulassung von gentechnisch veränderten Lachsen des Unternehmens AquaBounty Technologies diskutiert. Normale Lachse bräuchten drei Jahre für die Erreichung eines bestimmten Gewichts, die gentechnisch veränderten Lachse nur 16 bis 18 Monate. „Es wurden Wachstumshormongene einer anderen Lachsart und ein Regulationsgen eines Fisches, der an kalte Meeresregionen angepasst ist, integriert“, erläuterte Kalm. Das Gen werde als Anti-Frost-Gen bezeichnet. Das Unternehmen müsse jedoch nachweisen, dass diese Lachse kein Risiko für Mensch und Umwelt bedeuteten. Man werde sehen, was 2010 passiere.

Genkarte des Menschen hilfreich

Ein echter Quantensprung ist für den Forscher aus Kiel die genomische Selektion in der Rinderzucht. Gendiagnostische Tests, die Abstammungskontrolle und die markengestützte Selektion nutzten die molekulargenetische Information und seien heute Standard. In der Tierzuchtpraxis erfolge relativ schnell und unkompliziert die Umsetzung. Wie Kalm feststellte, sind mittlerweile eine Vielzahl von Genomen verschiedener Nutztiere aufgeklärt oder bearbeitet worden. Für besonders aufschlussreich beim Schwein hält Kalm die Genkarte des Menschen. „Lage und Anzahl der Gene im Erbgut des Schweins können zumindest teilweise durch den Vergleich mit dem menschlichen Genom ermittelt werden. Ähnlich ist es auch mit den Genen, die für bestimmte Krankheiten verantwortlich sind, das heißt die Genkarte des Menschen ist besonders hilfreich und nützlich für die Aufklärung bestimmter Zusammenhänge bei den Nutztieren“, betonte Kalm. Mit den Informationen über das Genom ließen sich Zuchtwert und Leistungsmerkmale eines Tieres wesentlich schneller bestimmen als früher. Bislang sei die Auswahl von Zuchttieren sehr langwierig und teuer gewesen. Der Zuchtwert bei einem Bullen habe mit den bisherigen Methoden erst nach rund acht Jahren festgestellt werden können. Heute könne schon für das Kalb der genomische Zuchtwert ermittelt werden und die Selektion viel früher einsetzen. Kalm: „Das Generationsintervall verkürzt sich damit deutlich.“

AGRAR/EUROPE

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