Tierzucht Tiergesundheit

15. August 2013

Tierzucht-Studie: Milchwirtschaft weist auf Falschaussagen hin und vermisst aktuelle Entwicklung in der Rinderzucht

Der Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Rinderzüchter e.V. (ADR), Dr. Josef Goos, weist auf die meist falsche Darstellung der Fakten hin und stellt die neuesten Entwicklungen in der Rinderzucht wie folgt richtig:

Kritikpunkt: Nutzungsdauer

In der Studie werden Durchschnitts- und Abgangsalter von Kühen verwechselt, weshalb auch eine falsche Nutzungsdauer angegeben wird. Auch die Aussagen zum Erstkalbealter der MLP-Kühe sind richtig zu stellen. Außerdem trifft es nicht zu, dass das Abgangsalter bei alten Rassen mit geringer Milchleistung deutlich höher liegt. Hingegen haben die Rassen Deutsches Schwarzbuntes Niederungsrind, Rotvieh/Angler, Gelbvieh, Pinzgauer sogar ein niedriges Abgangsalter.

Die Zucht auf eine möglichst lange Nutzungsdauer der Milchkühe ist weiterhin ein zentrales Element der Zuchtprogramme. So zeigt zum Beispiel der genetische Trend des Zuchtwertes für die Nutzungsdauer (RZN) bei männlichen Vererbern der bedeutendsten Milchviehrasse Deutsche Holstein seit 1995 eine deutlich positive Entwicklung. Auch der Trend der beobachteten Nutzungsdauer in den vergangenen Jahren ist positiv (Stellungnahme Deutsche Gesellschaft für Züchtungskunde e.V., 2013).

Kritikpunkt: einseitige Zucht auf Leistung

Die deutsche Rinderzucht legt sehr viel Wert auf das Wohlbefinden und die Gesundheit der Milchkühe. Aus diesem Grund hat sie bereits vor mehr als 20 Jahren mit einer Ausrichtung der Zucht auf Tiergesundheit und Nutzungsdauer begonnen.

Seit den späten 90er Jahren wurden über alle Rassen hinweg verstärkt Gesamtzuchtwerte definiert, die neben Milch- und Fleischleistungsmerkmalen auch Merkmale der äußeren Erscheinung, der Fruchtbarkeit, der Eutergesundheit und Kalbemerkmale berücksichtigten. Als „natürlicher Bioindex“ der Gesundheit und Funktionalität wurde insbesondere die Nutzungsdauer in Gesamtzuchtwerten verankert. Heute nehmen Gesundheits- und Fitnessmerkmale in der Milchviehzucht mit einem Anteil, je nach Milchnutzungsrasse, von bis zu 55 % einen höheren Stellenwert im Zuchtziel (Gesamtzuchtwert RZG) ein als die klassischen Leistungsmerkmale. Es existiert daher keine einseitige Ausrichtung der Rinderzucht auf Milch- und Fleischleistung.

Kritikpunkt: Tiergesundheit

Die Steigerung der biologischen Leistung einer Kuh in den letzten 40 Jahren ist nicht nur durch züchterische Erfolge zu begründen. Auch Verbesserungen im Betriebsmanagement und Weiterentwicklungen der Haltungsverfahren mit mehr Tierwohl und Tierkomfort tragen dazu bei – Kühe geben nur dann viel Milch, wenn es ihnen gut geht. Kühe werden weitgehend nicht mehr angebunden in niedrigen Ställen gehalten, sondern können sich heute in modernen, hellen Laufställen frei bewegen sowie Wasser und Futter aufnehmen, wenn ihnen danach ist. Das ist viel artgerechter als es früher möglich und üblich war. Somit hat sich, entgegen der Aussagen in der Studie, das Leben der Milchkühe in den letzten Lebensjahrzehnten sehr wohl verbessert.

Trotz des bis heute erzielten Fortschritts in der Rinderzucht und Rinderhaltung gilt es, das Spannungsfeld Leistung und Tiergesundheit ausgewogen zu gestalten. Zwar ist der Anteil der Milchkühe, die aufgrund von Störungen der Eutergesundheit aus der Milcherzeugung ausscheiden, seit den 90er Jahren rückläufig. Dennoch engagiert sich die Rinderzucht weiterhin verstärkt in Projekten zur Tiergesundheit, um die Gesundheit in den Milchviehpopulationen nachhaltig weiter zu verbessern. Die Ursachen für Stoffwechsel-, Euter- oder Klauenerkrankungen sind sehr komplex und stehen in einem engen Zusammenhang. Tierwohl, Gesundheit und Leistungsbereitschaft von Kühen werden zu 60 % durch die Fütterung beeinflusst, 20% werden durch abiotische Faktoren wie Stallhygiene, Stallklima, Tierkomfort und Tierbetreuung bestimmt und mit 20 % nehmen biotische Faktoren und Genetik darauf Einfluss (Taffe, 2013; Melhorn und Bär 1970). Eine gute Betreuung des Tierbestandes und eine Herdenführung mit Sachverstand und Fachkompetenz sind daher als entscheidende Indikatoren für die Tiergesundheit zu sehen. Die Statistik zeigt, dass mit zunehmendem Leistungsniveau krankheitsbedingte Abgangsursachen oft niedriger sind (siehe vit-Jahresbericht 2011). Eine Optimierung von Fütterung und Haltung muss auch mit größeren Sicherheiten für Gesundheits- und Fitnesszuchtwerte einhergehen. Die gesamte Rinderbranche befindet sich deshalb in einem stetig fortlaufenden Optimierungsprozess.

Kritikpunkt: Steigende Inzuchtrate

Durch die künstliche Besamung kann jede Kuh einer Herde mit einem anderen Bullen angepaart werden. Mit Hilfe der Bullenanpaarungsprogramme (BAP) der Zuchtorganisationen lässt sich im Voraus für jede mögliche Anpaarung ein Inzuchtkoeffizient berechnen, so dass diesem Problem gezielt vorgebeugt wird. Alternativ müsste in den Betrieben ein Besamungsbulle gehalten werden, der die Milchkühe sowie die weibliche Nachzucht auch in den Folgejahren decken soll. In diesem Fall ist von einem wesentlich höheren Inzuchtkoeffizienten im Betrieb auszugehen. Auch die Aussage, „von einzelnen Besamungsbullen wurden schon über eine Million Samenportionen verkauft“, trifft nicht auf Deutschland zu.

Kritikpunkt: Zuchtentwicklung – Verbesserungen bezüglich des Tierschutzes

Um den gesellschaftlichen Forderungen an die Rinderzucht in Bezug auf den Tierschutz noch gerechter zu werden, gilt es auch in Zukunft, den züchterischen Fokus auf die Gesundheits- und Fitnessmerkmale zu legen. Die konsequente Umsetzung und Optimierung neuer Züchtungsansätze wird dazu beitragen, den Zuchtfortschritt im Bereich der Gesundheitsmerkmale weiter voranzutreiben. Ein geeigneter Ansatz stellt die genomische Zuchtwertschätzung dar. Dieses, frei von Gentechnologie eingeführte Schätzverfahren, bietet in der Zucht zusätzlich die Möglichkeit, insbesondere für Eigenschaften mit geringerer Erblichkeit im Bereich der Tiergesundheit und Fruchtbarkeit schneller wichtige Fortschritte zu realisieren. Die dazu in der Studie von Prof. Hörning getroffenen Aussagen („gentechnische Methode, Zuchtwertschätzung ist gerade für die sogenannten funktionalen Merkmale niedriger als bei der klassischen Methode“) sind schlichtweg falsch.

Seit vielen Jahren  unternehmen die Zuchtverbände gewaltige Anstrengungen, um aus den verfügbaren Daten und Erkenntnissen zum Gesundheitsstatus der Milchkühe eine ausgewogene Zucht auf Leistungs- und Fitnessmerkmale durchzuführen. Die vermehrt zur Verfügung stehenden Daten und die Weiterentwicklung der Rechenmodelle verhelfen so der Tiergesundheit zu einer stetig höheren Gewichtung in der Zucht. Dies ist letztlich im Interesse der Milcherzeuger.

ADR/LVN

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