Update „Schwalbenzählung auf Milchbauernhöfen 2023“

Milchkühe für den Erhalt der Schwalbenpopulationen in einer artenreichen Kulturlandschaft notwendig

30. April 2026

Über 1.100 Milchbäuerinnen und -bauern beteiligten sich an der Aktion und zählten insgesamt über 23.000 Schwalbennester – ein klares Zeichen für die Sympathie der Landwirtinnen und Landwirt für ihre „Hofschwalben“. In einigen Regionen beteiligten sich über 30 % der Hofstellen, im Schnitt waren es 14 % aller niedersächsischen Milchkuhbetriebe.

Im Nachgang der Umfrage entwickelten das Grünlandzentrum Niedersachsen/Bremen e.V. in Zusammenarbeit mit der Universität Kassel (Fachbereich Ökologische Agrarwissenschaften) detaillierte Verbreitungskarten für Rauch- und Mehlschwalben. Ziel war es, regionale Populationsschwerpunkte sichtbar zu machen, die Bedeutung von Milchbauernhöfen für die Biodiversität in der niedersächsischen Agrarlandschaft hervorzuheben und das Bewusstsein für den bundesweiten Schwalbenrückgang zu schärfen.

Vorgehensweise:

Die Einzelmeldungen aus insgesamt 42 Landkreisen bzw. kreisfreien Städten wurden zunächst auf Postleitzahl- und anschließend auf Landkreisebene zusammengefasst. Anhand dieser Daten wurden getrennte Verbreitungskarten für Rauch- und Mehlschwalben erstellt. Zusätzlich wurden statistische Zahlen der Landkreise – wie der Anteil Dauergrünland an der landwirtschaftlichen Nutzfläche und die Anzahl milchkuhhaltender Betriebe – aus den Daten des Landesamtes für Statistik Niedersachsen (LSN) eingeholt. Die Informationen wurden mit den jeweiligen Schwalbennesterzahlen korreliert, um mögliche Zusammenhänge zwischen Schwalbenvorkommen und Landwirtschaftlichen Nutzungsmustern aufzuzeigen.

Ergebnisse:

Die Landkreise mit den höchsten Zahlen an Schwalbennestern lagen vorwiegend in der nordwestdeutschen Tiefebene, einer Region geprägt von hohen Anteilen an Wiesen und Weiden sowie einer hohen Dichte an Milchkuhbetrieben. Hier konnten die größten Populationen beider Schwalbenarten erfasst werden. Die sechs Landkreise mit den höchsten Schwalbenzahlen sind in Tabelle 1 aufgeführt.

Spitzenreiter in der Kategorie mit über 1.000 Rauchschwalbennestern war Cuxhaven mit 1.182 Rauchschwalben- und 595 Mehlschwalbennestern, gefolgt von Grafschaft Bentheim und Rotenburg Wümme (Tabelle 1, Abbildung 1). Auf den Plätzen fünf und sechs folgten Leer und Wesermarsch mit 775 Rauchschwalben- und 401 Mehlschwalbennestern – in der zweiten Kategorie (500 bis < 1.000 Rauchschwalbennester, Abbildung1).

Tabelle 1: Exemplarische Auflistung der ersten sechs Landkreise mit den höchsten Rauchschwalbenzahlen, zusammen mit Mehlschwalben und der Rücklaufquote je Landkreis.

 Anzahl Nester je LandkreisAnzahl 
LandkreiseRauchschwalbeMehlschwalbeMilchkuhbetriebeRücklauf [%]
Cuxhaven1842595174516
Grafschaft Bentheim1490588111630
Osnabrück1287606236420
Rotenburg Wümme1182527151713
Leer802156105512
Wesermarsch77540171913

Landkreise mit hohen Rauchschwalbenzahlen wiesen gleichzeitig auch eine hohe Anzahl an Mehlschwalbennestern auf – bis zu 606 Nester im Landkreis Osnabrück. Dies führte zu einem ähnlichen räumlichen Verteilungsmuster beider Arten im Nordwesten Niedersachsens (Abb. 1). Die Summen der Mehlschwalbennester auf allen Milchkuhbetrieben je Landkreis lagen jedoch durchgängig unter denen der Rauschwalbe. Einige Betriebe meldeten bis zu 100 Nester pro Hof- ein deutliches Zeichen für geeignete Nistbedingungen. Im Durchschnitt lagen die Werte je Betrieb und Landkreis bei 10,1 bis 30,1 Rauchschwalbennestern und bis zu 19,1 Mehlschwalbennestern pro Betrieb (Landkreis Northeim). In nur zwei Landkreisen überwog der Anteil der Mehlschwalbennester den der Rauchschwalbennester: 62 % Heidekreis, 58 % Oldenburg. Die hohen akkumulierten Schwalbenzahlen je Landkreis waren nicht zwingend mit hohen Rücklaufquoten verknüpft – sie lagen zwischen 12 % und 30 % (Tabelle 1). Stattdessen wurden sie maßgeblich von der absoluten Anzahl milchkuhhaltender Betriebe in einem Landkreis bestimmt (s. u. Abbildung 2).

Gemeldete Schwalbennester bei der Schwalbenzählung 2023

Abbildung 1: Summe der gemeldeten Schwalbennester je Landkreis in Niedersachsen aus der Aktion „Schwalben zählen 2023“. 

Die Gegenüberstellung der Schwalbenzahlen mit landwirtschaftlichen Kennwerten -insbesondere dem Anteil Dauergrünland und der Anzahl milchkuhhaltender Betriebe – ist in den beiden Karten der Abbildung 2 dargestellt. Auch hier finden sich hohe Werte vorwiegend in den nordwestlichen Landkreisen Niedersachsens. Die Verteilungen in dieser Schwerpunktregion war für Grünland, milchkuhhaltende Betriebe und Schwalbenvorkommen zwar ähnlich, aber nicht deckungsgleich.

Dauergründland in Korrelation mit der Schwalbenzählung 2023

Abbildung 2: Prozentualer Anteil Dauergrünland an der landwirtschaftlichen Nutzfläche (li.o.) und der Anzahl milchkuhhaltender Betriebe je Landkreis (re.o.) nach Angaben des Landesamtes für Statistik Niedersachsen sowie Korrelationen mit den jeweiligen Schwalbenzahlen (Abbildung 1) der Gemeinschaftsaktion „Schwalbenzählung auf niedersächsischen Milchbauernhöfen“. 

Die Korrelationen zwischen den landwirtschaftlichen Kennzahlen gemäß LSN und den Schwalbenmeldungen waren deshalb unterschiedlich: Während die Beziehung zu den Grünlandanteilen eher schwach ausfiel, zeigte sich ein deutlicher Zusammenhang mit der Anzahl aller 7647 niedersächsischen Milchkuhbetriebe. Diese Ergebnisse sind bei einer 14 %-igen freiwilligen Beteiligung zwar noch keine repräsentativen Zahlen im statistischen Sinne, aber aufgrund der guten Korrelation mit der Gesamtzahl der Milchkuhbetriebe Niedersachsens (Abb. 2, rechts unten) ein wertvoller Anhaltspunkt für die landesweite Schwalbenverbreitung.

Fazit:

Schwalben und Landwirtschaft gehören zusammen und jeder Milchkuhbetrieb zählt. Als Gebäudebrüter und Kulturfolger finden Rauch- und Mehlschwalben sowohl geeignete Nistmöglichkeiten als auch Fluginsektennahrung in der näheren Umgebung. Damit sind sie ideale Indikatoren für eine artenreiche und vielfältig bewirtschaftete Kulturlandschaft. Trotzdem zeigen bundesweite Trends einen Rückgang der Schwalbenbestände – hauptsächlich verursacht durch sinkende Nahrungsressourcen, also weniger Fluginsekten, ein Phänomen, dass unter dem Begriff „Insektensterben“ bekannt geworden ist. Dazu kommt vermutlich, dass moderne Stallbauten weniger Nistmöglichkeiten liefern. Um letzteren Punkt zu entschärfen, gibt der NABU mit seiner Aktion „Schwalbenfreundlicher Hof“ Milchbäuerinnen und -bauern konstruktive Tipps an die Hand, wie sie ihre „Hofschwalben“ weiter erhalten und noch besser unterstützen können.

Ausblick und Perspektive:

Die niedersachsenweite Aktion „Schwalben zählen“ war ein voller Erfolg – ein eindrucksvolles Beispiel wie beteiligungsorientierte Datensammlung durch Landwirtinnen und Landwirte (Citizen Science) zur Umweltforschung beitragen kann. Die Betriebsleiterinnen und -leiter konnten selbst zeigen, wie wichtig ihre Milchkühe für den Erhalt der Schwalbenpopulationen in einer artenreichen Kulturlandschaft sind. Sollte eine ähnliche Aktion in Zukunft wiederholt werden, wäre es sinnvoll, im Fragebogen Angaben zur Herdengröße und zur Aufstallung aufzunehmen. Dies würde es ermöglichen, landesweite Auswertungen bis zur Betriebsebene zu führen und tiefere Einblicke in die Einflussfaktoren auf Schwalbenpopulationen zu gewinnen.


AutorInnen: Helmut Saucke (hsaucke@uni-kassel.de), Elise Wesemann und Laura Gruner (Universität Kassel, FB11), Johann Rosteck, Arno Krause (Grünlandzentrum Niedersachsen/Bremen e.V.) und Nora Lahmann (Landesvereinigung der Milchwirtschaft Niedersachsen e.V. (LVN)).

Danke an die vielen Betriebsleiterinnen und -leiter, die regionalen Milchkontrolleure für die Verteilung der Fragebögen auf den Höfen und an Frau Patrizia Schlüter für die freundliche Zuarbeit und Unterstützung bei der Sichtung der Datensätze (Landesamt für Statistik Niedersachsen – Dezernat 42 – Landwirtschaft).

Ansprechpartner für diesen Bereich

Dr. Jan-Hendrik Paduch
Jan-Hendrik Paduch
Dr. agr. Dipl.-Ing. Milchwirtschaftliche Lebensmitteltechnologie  
Geschäftsführung
0511 / 85653-10
paduch@milchland.de

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