Längere und häufigere Hitzeperioden machen Hitzestress auch in mitteleuropäischen Milchkuhbetrieben zunehmend relevant.
Besonders hochleistende Milchkühe sind für Hitzestress gefährdet: Durch ihre hohe Stoffwechselleistung produzieren sie viel Eigenwärme, während hohe Temperaturen gleichzeitig die Wärmeabgabe erschweren. Die Tiere reduzieren ihre Futteraufnahme, der Energiehaushalt gerät unter Druck und Milchmenge sowie Milchinhaltsstoffe können sinken. Auch Fruchtbarkeit und Trächtigkeit werden beeinträchtigt.
Die aktuelle Übersichtsarbeit von Tariq und Bromfield zeigt, dass die Folgen deutlich über einen kurzfristigen Leistungsrückgang hinausgehen. Hitzestress verändert sowohl die angeborene als auch die erworbene Immunabwehr. Immunzellen können Krankheitserreger schlechter aufnehmen und bekämpfen, während Entzündungsreaktionen zugleich zu schwach oder übermäßig stark ausfallen können. Dadurch steigt die Anfälligkeit für Erkrankungen, und die Erholung kann länger dauern. Einige Veränderungen der Immunfunktion wurden noch Wochen nach der eigentlichen Hitzeeinwirkung beobachtet.
Gleichzeitig verändert Wärme auch die Bedingungen für Krankheitserreger. Im Sommer kann die Keimbelastung auf Zitzenhaut und Liegeflächen steigen. Die Studie verweist unter anderem auf ein erhöhtes Risiko für Mastitis und höhere Zellzahlen. Auch Gebärmuttererkrankungen, Nachgeburtsverhaltungen, Stoffwechselstörungen wie Ketose sowie Klauenerkrankungen treten bei warmen und feuchten Bedingungen häufiger auf. Dabei lässt sich nicht jede saisonale Veränderung allein auf die Temperatur zurückführen: Auch Haltung, Fütterung, Hygiene, Luftfeuchtigkeit und das betriebliche Management beeinflussen das Erkrankungsrisiko.
Besondere Aufmerksamkeit verdienen Trockensteher und hochtragende Kühe. Hitzestress während der Trockenstehzeit kann die Entwicklung des Eutergewebes beeinträchtigen und die Milchleistung in der folgenden Laktation verringern. Zudem sind Auswirkungen auf Plazenta, Kalb und spätere Leistungsfähigkeit der Nachkommen möglich. Kühlungsmaßnahmen sollten deshalb nicht nur bei laktierenden Tieren, sondern in allen Tiergruppen eingeplant werden.
Für die Praxis ergibt sich daraus: Hitzeschutz ist eine wichtige Maßnahme für Tiergesundheit und Tierwohl, Fruchtbarkeit und langfristige Leistungsfähigkeit. Schatten, Ventilatoren und Sprinkler können die Wärmebelastung deutlich reduzieren. Ihre Wirkung hängt jedoch von Luftfeuchtigkeit, Stallgestaltung und konsequenter Anwendung ab. Eine einzelne Maßnahme reicht meist nicht aus. Sinnvoll ist ein abgestimmtes Konzept aus Kühlung, guter Wasserversorgung, angepasster Fütterung, Hygiene sowie einer besonders sorgfältigen Tierbeobachtung während und nach Hitzeperioden.
Weitere Informationen zu den gesundheitlichen und immunologischen Folgen sowie zu möglichen Gegenmaßnahmen bietet der englischsprachige Originalartikel „Heat stress: an environmental challenge to immune resilience and health in dairy cows“ (Tariq, A. & Bromfield, J. J., 2026, Frontiers in Animal Science 7:1755098).
LWK Niedersachsen/LVN
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