Milchlandpreis 2023 – Silberne Olga und Klima-Sonderpreis: Milchhof Reeßum KG aus Reeßum im Interview

Vorstellung des Milcherzeugerbetriebs im Landkreis Rotenburg (Wümme)

12. Januar 2024

Frank Cordes im Interview mit der Landesvereinigung der Milchwirtschaft Niedersachsen e.V. (LVN).

Milchhof Reeßum KG Marina Lindhorst-Cordes und Frank Cordes gewinnt Silberne Olga und Klima-Sonderpreis
Die Milchhof Reeßum KG mit Marina Lindhorst-Cordes und Frank Cordes gewinnt die Silberne Olga und den Klima-Sonderpreis beim Milchlandpreis 2023. Foto: Patrick Lux.ck Lux

Marina Lindhorst-Cordes und Frank Cordes durften sich bei der Milchlandpreis-Verleihung am 08. Dezember 2023 in Bad Zwischenahn über die Auszeichnung mit der Silbernen Olga und dem niedersächsischen Klima-Sonderpreis freuen. Die Milchhof Reeßum KG beschäftigt in Reeßum im Landkreis Rotenburg/Wümme 27 Mitarbeitende und bewirtschaftet 438 Hektar, davon 202 Hektar Grünland. Auf dem Hof werden 770 Milchkühe und 600 weibliche Nachzuchttiere gehalten. Die Herde erbringt eine sehr gute Milchleistung von rund 13.500 Kilogramm pro Kuh und Jahr. Die Milch wird an die Elsdorfer Molkerei und Feinkost GmbH geliefert.

Interview mit Frank Cordes

Die LVN lud die amtierende TOP 2 des Milchlandpreises zu einem Interview ein. Nachfolgend spricht Frank Cordes ausführlich über seine Erfahrungen bei der Teilnahme am Wettbewerb für nachhaltiges Wirtschaften.

Herzlichen Glückwunsch zu gleich zwei Auszeichnungen: dem Gewinn der Silbernen Olga und des niedersächsischen Klima-Sonderpreises. Ihr Betrieb kommt dem Ideal einer Kreislaufwirtschaft sehr nahe, da Sie 100 % der anfallenden Gülle in der Biogasanlage verwerten. Welche Voraussetzungen müssen dafür geschaffen werden?

Die Grundvoraussetzung ist zunächst die baurechtliche Genehmigung. Wir dürfen aktuell 16.000 m³ Gülle vergären. Das entspricht in etwa der Gülle der melkenden Kühe. Wir hoffen, in diesem Jahr mit dem Bau einer zweiten Biogasanlage beginnen zu können, in der wir dann nicht nur unsere gesamte Gülle und unseren Mist vergären, sondern auch von vielen benachbarten Betrieben diese Inputstoffe beziehen.

Das ist ein großer Vorteil für beide Seiten: Wir bekommen Input und können das Biomethan aus der Vergärung mit THG-Quote in das Erdgasnetz direkt an der Hofstelle einspeisen und der Abgeber muss sich keine Gedanken um die Lagerung der Wirtschaftsgüter machen. Das ist in den meisten Fällen der entscheidende Punkt bei Baugenehmigungen: der Lagerraum für neun Monate. Das stellen wir heute schon sicher und werden diesen auch im größeren Stil für die neue Biogasanlage bauen.

Grundsätzlich ist die Vergärung von Gülle eher anspruchslos. Beachten muss man die ausreichende Heizung der Gärstrecke und die enorme Schwefelfracht.

Die Jury lobte bei Ihnen vor allem den niedrigen CO2-Fußabdruck von unter 700 g CO2-Äquivalent pro kg erzeugter Milch. Was meinen Sie, welche Maßnahmen führen zu dieser guten Klimabilanz?

Das ist zwar harte Arbeit, aber kein Teufelswerk. Unser Klima-Wert liegt je nach Berechnungsmethode zwischen knapp 500 und gut 600 g CO2-Äquivalent/kg Milch. Wir freuen uns über ordentliche Zahlen bei allen Kriterien, entscheidend für diesen sehr niedrigen Wert sind drei Punkte:

  • Milchleistung: Eine Kuh gibt Kohlendioxid und Methan ab. Zwar emittiert eine hochleistende Kuh mehr Methan als eine mit niedriger Leistung, aber bezogen auf 1 kg Milch emittiert eine Kuh mit hoher Milchleistung weniger Methan, weil die Emissionen aus der Aufzuchtphase berücksichtigt werden müssen und auf eine größere Milchmenge „verteilt“ werden. Unsere Kühe melken aktuell 44 kg Milch/Kuh/Tag.
  • Eiweißfütterung: Wir füttern seit vielen Jahren ohne Gentechnik. Die Kühe bekommen kein Sojaschrot, sondern im Wesentlichen heimisches Rapsschrot als Eiweißfutter. Außerdem – das wurde allerdings nicht abgefragt – füttern wir auch beim Energiefutter kein Importmaismehl mehr, sondern dreschen den Mais in der Region, trocknen diesen in der Biogasanlage und mahlen ihn vor Ort. Auch das führt zu weniger Emissionen.
  • Biogasanlage: Die Vergärung der frischen Gülle und des Mistes und die gasdichte Lagerung sind nachvollziehbar ein großer Gewinn für die Klimabilanz im Gegensatz zu einer Ausgasung unter dem Spaltenboden und im offenen Lager.

Ihr Betrieb besteht seit über 400 Jahren in Reeßum, bei Ihrer Hofübernahme im Jahr 1995 starteten Sie mit 24 Kühen und einer Betriebsgroße von 37 ha. Heute führen Sie als KG einen Betrieb mit 770 Milchkühen und über 430 ha. Darüber hinaus sind bei Ihnen aktuell 27 Personen beschäftigt – eine beachtliche Anzahl. Welche Vorteile, aber auch Herausforderungen sehen Sie durch die Vielzahl an Mitarbeitenden und wie wichtig ist die Teamarbeit untereinander?

Bei unserer Vielzahl an Mitarbeitern muss man loslassen können und konsequent Verantwortung und Entscheidungen abgeben. Das können wir, weil wir ein super motiviertes und ausgebildetes Team als mittlere Führungsebene im Rücken haben. „Stelle gute Leute ein und stehe ihnen nicht im Weg rum!“ Es wäre fatal, wenn wir den falschen Menschen Verantwortung geben und nicht korrigieren.

Bei so vielen Mitarbeitern kann jeder in dem Bereich arbeiten, in dem er/sie sich wohl fühlt. Ein Mitarbeiter im Herdenmanagement braucht keinen Trecker zu fahren und ein Melker muss sich keine Gedanken um die Organisation der Arbeit machen. Außerdem braucht ein Melker nicht unsere Sprache zu sprechen. Eine schriftliche Melkerschulung mit vielen Bildern ist in polnischer Sprache vorhanden und irgendjemand kann immer übersetzen, wenn es mal nötig ist. Die Einarbeitung im Melkstand erfolgt mit polnischen Kollegen. Und glücklicherweise bleiben unsere Mitarbeiter sehr lange bei uns, sodass auch das Melkerteam recht stabil ist.

Als Betriebsleiter arbeite ich kaum noch im Tagesgeschäft, auch, wenn ich jeden Tag im Stall bin. Ich helfe, wenn jemand Unterstützung benötigt bzw. einfordert. Zu den Arbeiten gehört zum Beispiel auch, im Gülleschacht eine festsitzende Güllepumpe aufzuschrauben.

Die Hauptaufgabe meiner Frau Marina und mir liegt ganz klar darin, das Betriebsklima in Ordnung zu halten und jedem Mitarbeiter täglich die Möglichkeit zu geben, dass aus seiner und ihrer Motivation und Tierliebe bei uns auf dem Hof Tierwohl und Spaß bei der Arbeit wird! Nach dem Motto: „Behandle Deine Mitarbeiter so, wie Du selbst behandelt werden möchtest.“

Gibt es trotz der Auszeichnung mit der Silbernen Olga und des niedersächsischen Klima-Sonderpreises noch Aspekte, die Sie auf Ihrem Hof verändern bzw. weiterentwickeln möchten?

Aber sicher, viele! Beispielsweise die neue Biogasanlage, mit der wir aus Gülle und Mist Biomethan erzeugen und in das Erdgasnetz einspeisen wollen. Es sind sieben neue Behälter mit rund 60.000 m³ Lagervolumen geplant. Darüber hinaus wollen wir unseren Kälberstall als sehr innovativen und aufwändigen Neubau für unsere weiblichen Kälber bauen. Der Bauantrag läuft bereits. Hier soll es lüftungsunabhängige Gruppenabteile mit einer Unterflurabsaugung geben. Wir hoffen, der Neubau bringt den Kälbern und den Mitarbeitern viel Freude. Den finanziellen Aufwand erwarten wir durch das gute Tierwohl, die Milchleistung und die Mitarbeiterzufriedenheit zurückzubekommen. Das jetzige genehmigte Kälberdorf bleibt für die männlichen Kälber.

Diese beiden Projekte werden uns einige Jahre auf Trapp halten. Dennoch wollen wir parallel die Lebenstagsleistung der Abgangskühe von aktuell 23 kg weiter steigern, auch, wenn wir bei dieser Kennzahl seit Jahren deutschlandweit zu den besten Betrieben gehören. Wir wollen für Mitarbeiter ein interessanter Arbeitgeber bleiben und selbstverständlich arbeiten wir weiter daran, Energie zu sparen und die Klimabilanz weiter zu verbessern. Unsere jüngste Tochter hat ihre landwirtschaftliche Ausbildung begonnen und wir möchten den Betrieb dann so aufgestellt haben, dass sie – wenn sie es denn möchte – in einigen Jahren nach und nach Aufgaben übernehmen kann.

Wir brennen für das, was wir tun. Wir brennen aber nicht aus, unsere Arbeit gibt uns so viel Energie! Wir Bauern sind die Erfinder der Nachhaltigkeit! Und ich möchte mich nicht dazu zwingen lassen, besser zu werden. Das möchte ich von mir aus an jedem einzelnen Tag!

Welches Fazit ziehen Sie aus Ihrer Teilnahme beim diesjährigen Milchlandpreis?

Wir haben 2017 schon einmal teilgenommen, wurden platziert, aber waren nicht ganz vorne dabei. In 2023 erzielten wir den zweiten Platz und sogar noch den Klima-Sonderpreis. Unser Fazit ist, dass sich unsere Arbeit der letzten Jahre offensichtlich gelohnt hat. Auf dem zweiten Platz von rund 8.000 Milchviehbetrieben zu stehen und der klimafreundlichste Betrieb zu sein, macht uns stolz. Wo sonst hätte es eine solche unabhängige und kompetente Rückmeldung gegeben? Wir haben 2017 eine Rückmeldung der Prüfer bekommen, in welchen Bereichen wir gut sind und wo wir noch besser werden können. Diese Rückmeldung werden wir auch dieses Mal wieder bekommen und werden dann wissen, an welchen Stellen wir unser System weiter überarbeiten sollten. Denn da machen wir kein Geheimnis draus: die Goldene Olga soll in einem der nächsten Jahre auch mal bei uns auf dem Hof stehen.

Hier geht es zum Hofvideo!

Wir von der LVN bedanken uns bei Frank Cordes für das Interview und gratulieren der Familie noch einmal herzlich zu dieser hervorragenden Leistung.

LVN

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